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Straßenkinder
Straßenkinder und Jugendliche

mpk03.jpgWenn familiäre Gewalt mit Armut und Alkoholproblemen zusammenkommt, dann entsteht oft eine Situation, die für Kinder und Jugendliche schwer auszuhalten ist. Der für sie einzige Ausweg in dieser Situation ist die Flucht auf die Straße.

 

Sie brechen jeden Kontakt zu ihrer Familie ab und sind gezwungen, ihr gesamtes Leben auf der Straße zu organisieren. Sie betteln, stehlen, essen aus dem Mistkübel, halten sich auch mal mit Gelegenheitsjobs über Wasser, inhalieren Lösungsmittel, besorgen sich Kleidung, suchen Schlafplätze in Parks, Hauseingängen, Stiegenaufgängen, Bars, oder ziehen die ganze Nacht durch die eisig kalte Stadt, um dann bei Tagesanbruch in der Vormittagssonne
zu schlafen. Kinder in einem Alter von 9 Jahren sind bereits voll auf sich allein gestellt und dem harten Leben auf der Straßeausgesetzt.

 
Definition

Ein entscheidender Punkt bei der Definition von Straßenkindern stellt die begriffliche Unterscheidung dar. Von WHO und UNICEF vorgegeben, hat man sich mittlerweile auf zwei Begriffe geeinigt, den „Kindern auf der Straße“ und den „Kindern der Straße“. Diese Differenzierung ist quer durch alle Sprachen zu finden und bedeutet im wesentlichen folgendes (vgl. Adick 1998. S. 11):

· Kinder auf der Straße sind jene, die den überwiegenden Teil des Tages auf der Straße verbringen, um zu arbeiten oder sich auf andere Weise die Zeit zu vertreiben. Sie haben jedoch eine Bindung zum Elternhaus und gehen am Abend nach Hause, und sei es nur um zu schlafen.

· Mit Kinder der Straße sind jene gemeint, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist und deren Sozialisationsprozess dort stattfindet. Sie stehlen und betteln und haben keinen Kontakt mehr mit ihrer Herkunftsfamilie. Der Begriff "Straßenkind“ soll hier auch in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Entstanden ist diese Unterscheidung vor allem dadurch, dass sich arbeitende Kinder mit der Bezeichnung Straßenkind diskriminiert fühlten, und sich von diesen abgrenzen wollten. Genau diese Abgrenzung ist aber in der Praxis nicht immer so klar zu ziehen, da die Grenzen sehr oft fließend verlaufen (vgl. C.1. Übersicht).

Die Kinderorganisation der Vereinten Nationen UNICEF definiert Straßenkinder nach folgenden Kriterien:

„... Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr, deren Charakteristikum folgende Elemente aufweist:

1. Aufenthalt in städtischen Zonen.

2. Die Verbindungen zur Familie, wenn sie existieren, sind sehr schwach.

3. Sie entwickeln Geschicke und Handlungsweisen zum Überleben.

4. Ihr Wohnraum ist in erster Linie die Straße und ersetzt die Familie, welche normalerweise der essentielle Faktur für Wachstum und Sozialisation darstellt. Ihr Leben auf der Straße ist fortwährenden Veränderungen unterworfen auf ihren Weg zu erwachsenen Verhaltensweisen. Kommen sie von der Straße weg, auf Polizeistationen, ins Gefängnis, in eine Unterkunft, zurück in ihr Elternhaus oder in ein Ersatzheim, so ist dies nur übergangshalber, um später wieder auf die Straße zurückzukommen.

5. Durch ihre Lebensverhältnisse sind sie sehr beträchtlichen und spezifischen Risiken ausgesetzt.“

Es handelt sich hier meiner Meinung nach um eine sehr allgemeine Definition. Es wird nicht auf die speziellen Risiken eingegangen, denen die Kinder ausgesetzt sind. Ein weiterer Schwachpunkt obiger Definition liegt meines Erachtens in Punkt vier. Denn hier wird eigentlich alle Arbeit mit Straßenkindern als hoffnungslos und unmöglich hingestellt, mit der Aussage, dass sie immer wieder auf die Straße zurückkommen.

Eine weitere Definition an der selben Stelle, von Ana Mansilla sieht folgendermaßen aus:

„... (jene), die tagtäglich auf der Straße leben, sich ihr Leben in ihr organisieren, die Straße als ihr Zuhause festlegen, auch wenn sie noch familiäre Kontakte zu ihren Eltern und/oder Geschwister haben.

Für diese Kinder ist das Leben auf der Straße eine unfreiwillige Situation; das heißt, sie müssen auf die Straße gehen und diverse Aktivitäten dort entwickeln. Das geht von einfachen Aktivitäten der Unterhaltung und Erholung bis hin zu Aktivitäten die an Delinquenz grenzen, auch Arbeitstätigkeiten, was man generell als Verhaltensweisen des Überlebens kennt.“

Hier wird bereits näher darauf eingegangen, was die spezifischen Handlungsmerkmale sind, die Kinder auf der Straße praktizieren.
 
Familiärer Hintergrund
Um zu einem Straßenkind zu werden, braucht es verschiedene Voraussetzungen. Obwohl jeder Fall für sich einzigartig ist, gibt es doch sehr eindeutige Parallelen zwischen den einzelnen Geschichten der Kinder. Einige dieser Punkte liegen in der Familiengeschichte.

· Interessant, aber auch naheliegend, ist die Tatsache, dass die Familien der Straßenkinder in nicht all zu ferner Vergangenheit (Urgroßeltern, Großeltern oder auch erst Eltern) im Zuge der Landflucht aus den ländlichen Gebieten in die Stadt gekommen sind und dort unter schweren ökonomischen Bedingungen in armen Verhältnissen leben.

· Zu einem sehr hohen Prozentsatz kommen Straßenkinder aus Familien, deren Eltern sich getrennt haben. In Peru, wo eine vergleichbare Situation herrscht, sind es laut CEDRO an die 80% (vgl. Alvarez 1995. S. 16). Aus dieser Tatsache ergeben sich mehrere Gründe, die die Flucht der Kinder auf die Straße verstärken.

Es ist meist die Frau, die mit den Kindern allein bleibt. Für eine alleinerziehende Mutter ist das wirtschaftliche Überleben sehr schwer. Es ist daher notwendig, dass die Kinder zum Einkommen beitragen und arbeiten. Vor allem Buben werden sehr bald in die Rolle des Familienerhalters gedrängt, schon ab einem Alter von acht bis zehn Jahren. Das bedeutet eine sehr große Belastung, die sie sich selber auferlegen („Ich bin für meine Geschwister verantwortlich!“) und die sie auch von außen zu spüren bekommen, wenn sie einmal weniger nach Hause bringen (Beschimpfungen, Schläge).

Heiratet die Mutter noch einmal, was bedeutet, dass das Kind einen Stiefvater bekommt, lehnt dieser sehr oft das Kind aus der vorherigen Ehe ab. Das Kind wird gezwungen, für sich selbst zu sorgen. Der Stiefvater will eigene Kinder mit seiner Frau, welche er auch versorgt. Für die Kinder in der Familie, die nicht seine leiblichen sind, fühlt er sich jedoch nicht verantwortlich. In extremen Fällen kommt es sogar so weit, dass der Stiefvater die Mutter vor die Entscheidung stellt: „Entweder der Junge geht, oder ich gehe.“ Viele Jungen wollen ihrer Mutter die Entscheidung abnehmen oder ihr zuvorkommen und laufen „freiwillig“ weg.

· In etwa 40% der Fälle geht man davon aus, dass die Kinder aus Alkoholikerfamilien kommen (vgl. Alvarez 1995. S. 16). Die Folgen der Alkoholsucht der Eltern sind Gewalt in der Familie, keine Aufmerksamkeit bzw. Aufsicht. Die Kinder werden mit der Versorgung der Geschwister und der gesamten Familie betraut, was eine Überforderung der emotionalen wie auch physischen Leistungsfähigkeit bedeutet.

· Gewalt spielt im Alltag von Straßenkindern eine sehr grundlegende Rolle. Sie wird häufig in der Familie als einziger Konfliktregelungsmechanismus kennen gelernt. Sei es zwischen Vater und Mutter, zwischen Eltern und Kindern oder den Geschwistern unter sich. Hier hat ein System den Ursprung, dass später auf der Straße noch in viel ausgeprägterer Form zu Tragen kommt: Der Stärkere hat Recht, bestimmt, überlebt.

Doch neben der körperlichen Gewalt spielt auch die psychische eine sehr große Rolle. Die Kinder werden von ihren Eltern immer wieder als „nutzlos, faul, dumm, verschwenderisch, etc.“ beschimpft, hauptsächlich, wenn der abgelieferte Tagesverdienst nicht den Erwartungen entspricht. Dabei muss jedoch auch der Zusammenhang gesehen werden, dass dieses Geld oft für das Überleben der Familie entscheidend ist.
 
Lebenswelt Straße
Treffpunkte der Straßenkinder
Obwohl die Niños de la calle auf sehr weiten Teilen des öffentlichen Raumes verteilt sind, gibt es spezifische Plätze, wo sie geballt anzutreffen sind. Jede Art von Märkten zieht sie magisch an, weil es im Getümmel leicht ist, den einen oder anderen Diebstahl zu begehen. Auch gibt es dort die Marktfrauen (Cholitas), die Essen verkaufen und ab und zu eine Kartoffel oder etwas anderes Essbares verschenken. Auf großen Plätzen im Zentrum sind meist TouristInnen zu treffen, die angebettelt werden können.

Ein anderer Ort wo man die Kinder, vor allem Jungs treffen kann, sind die Videospielhallen, Tilines genannt. Dort geben sie das Geld aus, dass sie nicht unbedingt zum Essen brauchen, oder schauen einfach nur den anderen beim Spielen zu.


Schlafplätze

Viele der Straßenkinder schlafen nur am Vormittag. Vor allem in den Wintermonaten ist die Nacht zu kalt, um „in Ruhe“ schlafen zu können. Dann ziehen sie die ganze Nacht herum, halten sich in den Plätzen auf und erst in den Morgenstunden ziehen sie sich zurück in ihre Schlaflager. Oft unter den Holzgestellen der Marktstände (zwecks Regenschutz), in Hauseingängen, in den Ästen der Bäume, in Parks, aber fast immer gut versteckt.

Vor allem ältere Straßenkinder bzw. Jugendliche machen sich oft sesshaft. Sie bauen sich gut versteckt unter Brücken oder in Sträuchern neben der Schnellstraße Zelte, wo sie dann in großen Gruppen wohnen. Schwierigkeiten gibt es immer wieder mit der Polizei, die die Behausungen niederbrennt oder anderweitig zerstört, da diese illegal sind.
 
Straßenkinder und Drogen
Clefa
Ein weiteres Charakteristikum von Straßenkindern ist der Konsum von Clefa (=eine Art von Klebstoff). Ein kleines Wollbündel wird mit der Flüssigkeit befeuchtet und dann über die Nase oder den Mund inhaliert. Für die Kinder hat der dadurch entstehende Effekt verschiedene „Vorteile“: Hunger, Kälte, Durst, Schmerzen von Raufwunden spüren sie nicht mehr, denn durch das Inhalieren stumpft das Empfindungsvermögen ab.

Das Inhalieren lässt die Hemmschwelle sinken. Das heißt, ein Kind möchte einen Diebstahl begehen, traut sich aber nicht, weil es Angst hat erwischt zu werden. Mit der Clefa fällt diese Hemmschwelle weg, der Diebstahl ist leichter durchzuführen.

Bei längerem Konsum von Clefa kann man eine Art Abhängigkeit feststellen. Diese ist jedoch auf den psychischen Bereich zu beschränken, es gibt keine körperliche Abhängigkeit. Jedoch kann man beobachten, dass Kinder, die von einem Tag auf den anderen das schnüffeln lassen, nervös und leicht reizbar sind. Von den Abhängigkeitsmerkmalen her ist der Konsum von Clefa mit dem Rauchen von Nikotin vergleichbar.

Folgen von langem, konstantem Clefa-Konsum gibt es natürlich auch. Da vor allem das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen wird, sind es Lernschwierigkeiten, Gedächtnisschwächen, etc. die auftreten. Ein weiterer Effekt, den man beobachten kann, ist die zeitweise verschwindende Selbstkontrolle. Inhalieren hat den bereits oben beschriebenen Effekt der sinkenden Hemmschwelle. Dies kann bei andauerndem Konsum soweit gehen, dass auch in nüchternem Zustand ein ähnlicher Effekt eintritt. Das Mädchen oder der Junge macht Dinge, die nicht nachvollziehbar sind, etwa stiehlt sie/er einem Fremden sein Stück Fleisch vom Teller weg, ohne jedoch wegzulaufen.

Alkohol
Dieser spielt für Straßenkinder im Alter bis zu vierzehn Jahren sicher eine untergeordnete Rolle, schon allein deswegen, weil er um vieles teurer ist als Clefa. Eher später, bei den jungen Erwachsenen ist auch diese Droge zunehmend vertreten. Er wird in fast purer, hochprozentiger Form konsumiert, in der Absicht, die bei der Clefa bereits erwähnten Effekte zu erzielen: Vergessen der Situation, Senken der Hemmschwelle, Ausschalten von Hunger, Kälte, etc.